Hier finden Sie eine kleine Auswahl meiner Publikationen sowie weiter unten 2 Beiträge zu verschiedenen Themen
*Bücher
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*Frohne,
I. / Maack, M. (1976): Musiktherapie
in der Drogenberatung. Eres, Lilienthal |
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Frohne,
I. (1981):* Das Rhythmische Prinzip, Grundlagen , Formen und
Realisationsbeispiele in Therapie und Pädagogik , Lilienthal |
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Frohne,
I. (1982): Musiktherapie als Form kreativer Therapie. In: Integrative
Therapie, Junfermann Verlag, Paderborn, S. 325-343; ebenfalls erschienen in
siehe 1983 und 1990 (siehe dort) |
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Frohne-Hagemann, I. (1989): Integrative Musiktherapie - zur Ausbildung zum klinischen Musiktherapeuten am Fritz Perls Institut. In: MU, Bd. 10, S. 334-33 |
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*Frohne-Hagemann,
I.
(1990,
1999)
(Hrsg.):
Musik und Gestalt. Klinische Musiktherapie als Integrative
Psychotherapie, Junfermann, Paderborn, ( Neuauflage im Vandenhoeck &
Ruprecht Verlag, 1999) |
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Frohne-Hagemann,
I.
(1993): Dokumentation
der Entwicklung der Integrativen Musiktherapie als Zweig der
Psychotherapieausbildung an FPI und EAG. In. Petzold, H./ Sieper, J. (Hrsg.):
Integration und Kreation. Junfermann Verlag, Paderborn |
Frohne-Hagemann,
I. (1995): Einzellehrmusiktherapie.
In: Dokumentation des Studienganges Musiktherapie an der Hochschule der Künste;
Berlin |
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Frohne-Hagemann, I. (1996 b): "Gestalttherapie und Musiktherapie". In: Decker-Voigt, H-H. / Knill, P./ Weymann, E. (Hrsg.): Lexikon Musiktherapie, Hogrefe Verlag Göttingen |
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Frohne-Hagemann,
I.
(1996 c):
"Integrative Musiktherapie". In: Decker-Voigt et. al.:
Lexikon Musiktherapie, a.a.O. |
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Frohne-Hagemann,
I.
(1996 d):
"Rhythmisches Prinzip". In: Decker-Voigt et al.: Lexikon
Musiktherapie, a.a.O. |
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Frohne-Hagemann,
I.
(1997): Die heilende Beziehung und ihre musiktherapeutische
Gestaltung. In: Petzold, H.; Müller, L. (Hrsg.): Musiktherapie in der
klinischen
Arbeit, G. Fischer Verlag, Stuttgart 1997 |
Frohne-Hagemann,
I.
/ Mailahn, C. (1998):
Ablösung - Abnabelungsprobleme bei Jugendlichen. In:
Haffa, U./ Moreau, D. v./
Wölfl, A (Hrsg.) Musiktherapie
mit psychisch kranken Jugendlichen,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen |
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Frohne-Hagemann,
I.
(1999): Diplom - Musiktherapeut / Diplom - Musiktherapeutin, Musiktherapeut
/ Musiktherapeutin - Blätter zur Berufskunde. Hg. von der Bundesanstalt für
Arbeit |
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Frohne-Hagemann,
I.
(2000): Integrative Handlungsansätze - Die Positionen der Integrativen
Therapie. In : Schwabe, Chr., Stein, I. (Hrsg.): Ressourcenorientierte
Musiktherapie. Crossen |
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Frohne-Hagemann,
I.
(2001a):
Zur
Arbeit mit Träumen und Imaginationen als Technik der Integrativen
Musiktherapie. In: Oberegelsbacher, D., Storz, D. (Hrsg.): Wiener Beiträge
zur Musiktherapie III. Ed. Praesens, Wien |
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Frohne-Hagemann,
I.
(2001b): Musiktherapie vor dem Hintergrund Integrativer Therapie und
Theorie. In: Decker-Voigt, H. - H. (Hrsg.): Lehrbuch Musiktherapie. E.
Reinhardt Verlag, München |
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*Frohne-Hagemann,
I.
(2001c): Fenster zur Musiktherapie. Musik - Therapie - Theorie.
1976-2001. Dr. Ludwig Reichert Verlag, Zeitpunkt Musik, Wiesbaden (darin
auch Beiträge und Vorträge, die schon einmal publiziert wurden |
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Frohne-Hagemann,
I.
(2001d): Ästhetische Dimensionen der Musiktherapie,
Sub-Key-note- Vortrag am 5. Europäischen Symposium für
Musiktherapie in Neapel. CD ROM III , Universität Witten Herdecke, Internet |
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Frohne-Hagemann,
I.
(2002): Vom Sinn und Unsinn des Nachnährens. In: Moreau, D. v., Wölfl, A.
((Hrsg.): Zur Idee des therapeutischen Nachnährens – was kann
Musiktherapie leisten?. Dr. L. Reichert Verlag, zeitpunkt musik, Wiesbaden |
*Frohne-Hagemann, I. (2004) (Hrsg.): Rezeptive Musiktherapie -Theorie und Praxis. Dr. L. Reichert Verlag, zeitpunkt musik, Wiesbaden, darin: |
Frohne-Hagemann, I.: Rezeptive Musiktherapie -zur Einführung |
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Frohne-Hagemann, I.: Rezeptive Musiktherapie aus der Sicht der Integrativen Musiktherapie |
dieses Buch ist 2007 auf englisch erschienen unter dem Titel: Receptive Music Therapy - Theory and Practice. Dr. L. Reichert Verlag, Wiesbaden
*Frohne-Hagemann, I. , Pleß-Adamczyk, H. (2005): Indikation Musiktherapie bei psychischen Problemen im Kindes- und Jugendalter. Musiktherapeutische Diagnostik und Manual nach ICD 10, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen |
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Frohne-Hagemann, I. (2006): Musiktherapie bei Persönlichkeitsstörungen. In: Remmel, A., Kernberg, O., Strauss, B. (Hrsg.): Handbuch Körper und Persönlichkeit. Entwicklungspsychologische und neurobiologische Grundlagen der Borderline-Störung. Stuttgart, Schattauer Verlag |
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Frohne-Hagemann, I. (2008): Schuld und Schuldfähigkeit als therapeutische Themen in Guided Imagery and Music (GIM). In: Jahrbuch Musiktherapie Bd. 4 (hg. von der DMtG): "Drittes Reich", Zweiter Weltkrieg und danach - Spuren der Vergangenheit. |
Hier ein kleiner Artikel über ein Gebiet, das mir sehr am Herzen liegt, weil ich an sein großes Potenzial glaube:
Die
Bedeutung von Musik, Traum und Imagination für die ästhetische Aneignung von
Wirklichkeit
Isabelle Frohne-Hagemann
Musik, Traum und Imagination sind Bereiche, die in unserer globalisierten Welt viel zu leicht untergehen und viel mehr Beachtung verdienen müssten.
Drei Traumbeispiele (ausführlich auch in Frohne-Hagemann 2001a) und ein Beispiel aus der rezeptiven Musiktherapie (dazu Frohne-Hagemann 2004, Süselbeck-Schulz 2004) können dafür vielleicht Zeugnis ablegen und wir können dann daran einige Überlegungen zum Thema anzuschließen. Zur Veranschaulichung werde ich auch verschiedene musiktherapeutische Vorgehensweisen für die aktive und die rezeptive Arbeit mit Musik, Imagination und Traum erläutern.
Beispiel 1
Lene, 40 Jahre alt, hatte vor zwei Jahren einen sehr schweren Verkehrsunfall erlitten. Ihr Gesicht war total entstellt. Sie musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen, die nicht sehr gut gelangen. Lene war früher sehr hübsch, aber nun hat ein schwer gezeichnetes Gesicht. Sie träumt:
"Da
ist ein Boot, das auf einem blutigen Sumpf fährt. Viele Menschen sind darauf,
ich auch. Auf dem Boot ist es verboten zu spielen. Wir landen und da steht
Thomas, nur als sehr alter Mann mit Mönchskutte. Am Boden liegt eine Geige.
Ich hebe sie auf und er sagt, sie sei wertlos, gibt mir aber den Bogen. Damit
gehe ich aufs Boot zurück und spiele, während wir zurückfahren, innerlich.
Also nur ich höre die Musik. Es regnet wie Tränen und der Bogen fängt die
Tränen auf. Ich steige aus dem Boot aus und gehe mit dem Bogen in den Wald,
wo ich ihn allein feierlich
begrabe. Es ist sehr ernst."
Es gibt Träume mit musikalischem Inhalt. Allerdings recht selten. Man fragt sich, was ist die Botschaft? Was bedeutet Musik, was ist Musik überhaupt? Und natürlich: Wie kann dieser Traum musiktherapeutisch bearbeitet werden?
Beispiel 2
Miriam, 32, jährige Dänin, träumt während eines Traumseminars folgenden Traum:
"Ich
sehe von einem Hügel aus die Hauptstraße der Stadt meiner Kindheit. Es hat ein Unfall stattgefunden. Ich komme näher
und es wird immer erschreckender. Meine Großmutter ist überfahren worden,
ihr Gesicht ist aber friedlich. Ihre Haut ist so pergamentartig, verrunzelt,
aber darunter warm. Ich bin traurig, aber auch stolz auf die würdige Haltung
meiner Großmutter. Plötzlich bin ich Sys, die 15 Jahre alt ist. Sys sammelt
das geronnene Blut der Großmutter ein, das wie ein Puzzle aussieht. Dabei
wird Sys immer jünger, schließlich ist sie 3 Jahre alt."
Hier haben wir einen Traum ohne musikalischen Inhalt. Da ist eine überfahrene Großmutter und ein Mädchen, das immer jünger wird und Großmutters Blut aufsammelt, das wie ein Puzzle aussieht. Was ist die Botschaft, wie können wir diesen Traum entschlüsseln?
Ein 3. Beispiel aus der Arbeit mit Guided Imagery and Music (GIM), einer Methode der rezeptiven Musiktherapie.
Anna, 35 Jahre alt, hat nicht nur eine Fehlgeburt gehabt, auch das zweite Kind stirbt am Tag der Geburt, nachdem es im 7. Monat mit einer starken Missbildung zur Welt kommt. Der Schock ist groß. Anna kam nach der ersten Fehlgeburt zu mir in Therapie und zum Zeitpunkt der hier beschriebenen Sitzung nach dem zweiten Trauma, stehen wir mit der Trauerarbeit auch nicht mehr ganz am Anfang. Unter anderem arbeiten wir mit Guided Imagery and Music (GIM) bzw. musikevozierter Imaginationsarbeit, wobei der Begriff guided nicht geführt, sondern begleitet bedeutet. Bei dieser Arbeit imaginiert man zu einer bestimmten Auswahl meist klassischer Musikstücke. Die Therapeutin hält dabei verbalen Kontakt mit der Patientin (Frohne-Hagemann 2004, Geiger 2004, Süselbeck-Schulz 2004).
Annas
Thema in dieser Sitzung ist ihre seelischer Schmerz und ihre Sehnsucht nach
Freude. Ich suche ein nicht zu tief gehendes Programm mit Musik von Debussy,
Holst und Vaughan Williams aus. Die Musik soll ihren Imaginationen einen
Container für die psychologische Arbeit zur Verfügung stellen, der das, was
sie bewegt, gleichzeitig unterstützt,
trägt und begleitet. Nach der Sitzung wird Anna wieder schwanger und bekommt
später ein gesundes Baby.
Bevor ich auf diese drei Beispiele genauer eingehe, sei gestattet, einige Gedanken über die Wirklichkeit der Traumwelt zu entwickeln und nach der Bedeutung von Imaginationen zu fragen. Und natürlich, wieso kann Musik in der therapeutischen Arbeit so bedeutsam sein?
Da gibt es eine Geschichte von dem Philosophen der Antike, der spazieren geht und sich unentwegt Gedanken darüber macht, ob die Welt nun Einbildung ist oder eben nicht. Er denkt darüber nach, weil er damals ja in einer metaphysisch orientierten Welt lebt, wo solche Fragen wichtig sind. Heute machen sich nur wenige Menschen darüber Gedanken, ob wir alle z. B. nur Erscheinungsformen von Ideen sind, die hinter dieser Wirklichkeit wirken. Pythagoras dachte, dass das ganze Universum einschließlich wir selber nach einem - ich nenne das mal - musikalisch- genetischen Code gestrickt sind. Und Shakespeare war der Meinung, wir seien aus demselben Stoff gemacht, aus dem Träume bestehen. Und Schlaf umgebe unser kleines Leben.
"We are such stuff
As
dreams are made on;
And
our little life
Is
rounded with a sleep"
(Shakespeare:
Der Sturm, IV,1)
Wie Platon meinte, ist die Wirklichkeit nicht die wirkliche, sondern Einbildung. Wir können die Wirklichkeit hinter den Dingen nicht erkennen und Begriffe sind nur Abbilder von Ideen. Begriffsbildung sei ein Akt der Erinnerung an die Ideen selbst, die sie Seele schaute, bevor sie an den Leib gebunden wurde. Man macht sich eben einen Begriff von etwas. Eine solipsistische Weltauffassung wiederum besagt, dass alles, was existiert, ein Produkt der Ideen des Wahrnehmenden ist. Das subjektive Ich sei mit seinem Bewusstseinsinhalt das einzig Seiende.
Was ist nun also "wirklich"? Was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, kann als reine Projektionen bezeichnet werden. Nietzsche sagte z.B. dass wir in der Welt erkennen, was wir in sie hineinlegen, . Wir projizieren uns nach außen, um uns dort dann selber zu erkennen. Ästhetisch argumentiert: was wir Wirklichkeit nennen sind ästhetische Schöpfungen. Wirklichkeit, das sind Zusammenhänge, die wir erkennen und die uns das Gefühl geben, in einer realen, weil sinnvollen Welt zu leben. Der moderne Konstruktivismus geht davon aus, dass Wirklichkeit nicht absolut ist, sondern unseren physiologischen Voraussetzungen entsprechend gewissermaßen "ausgerechnet" wird und wir halten das, was wir wahrnehmen nur deswegen für wahr und wirklich, weil wir uns über das einig sind, was wir sehen. Ist also etwa nur das wirklich, worüber wir Konsens haben, dass es tatsächlich da ist? Das, was wir miteinander teilen können?
Über all das dachte der Philosoph (dem ich einmal unterstelle, dass er bereits alle späteren Theorien in sich trug, wenn auch noch nicht ausformiert) auf seinem Spaziergang vielleicht nach. Aber während er so überlegte stolperte er über einen spitzen Stein und erfuhr schmerzvoll: "aua, die Welt mag ja vielleicht Einbildung, Projektion, Konstruktion oder ästhetische Schöpfung sein, aber diesen spitzen Stein hier, an dem ich mich stoße, den gibt es wirklich". Darüber sind auch wir sicher alle im Konsens.
Der Leib als Ort der Erschaffung von Welt
Ich führe dies hier an, um darauf hinzuweisen, dass es Jahrhunderte für die Erkenntnis gebraucht hat, dass die Basis allen Erkennens nicht die Kontemplation oder das Philosophieren ist, sondern das sinnliche und leibhaftige Er-fahren von Welt. Und nicht nur deswegen betone ich dies, sondern auch, weil die Basis für die Bilder, die sich ein-gebildet haben, die Basis für die Imagination, das Tagträumen, ja auch das Nachtträumen die sinnlichen Erfahrungen sind, die wir ganz konkret in dieser Welt gesammelt und in unserem Leibe archiviert haben. Auf diese greifen wir zurück, auch wenn sie manchmal durch Symbolisierung zu ver-rückt erscheinen.
Der Leib ist der Ort, an dem und durch den wir Welt erschaffen. Imaginationsarbeit ist eine die Sinne überschreitende, die Wirklichkeit symbolisierende Arbeit des Leibes. Dies ist für die therapeutische Arbeit mit Imaginationen und auch Träumen entscheidend. In der therapeutischen Arbeit ist es egal, ob nun eine Vorstellung "bloße Einbildung" ist oder nicht, denn immer arbeiten wir mit dem damit verbundenen konkreten Erleben. Auch wenn Träume als "Schäume" bezeichnet werden: um die im Traum oder in der Imagination verdichtete Wirklichkeit möglichst ganzheitlich und in ihrer Vieldeutigkeit zu erfassen, inszenieren wir den Traum, und zwar möglichst sinnlich konkret.
Wenn ein Kind genügend sinnliche Erfahrungen gemacht hat, die ihm helfen, sich einen Begriff von Dingen zu machen, also wenn es symbolisieren kann, dann entwickelt es die Fähigkeit, Welten quasi probehandelnd zu imaginieren, und dazu gehört auch, Welten auf ganz neue Weisen durch das Träumen und Imaginieren zu entdecken - man denke nur an Herrn Kekulé, der im Traum den Benzolring entdeckte, und zwar träumte er ja von einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Jemand, der symbolisieren gelernt hat, kann das, was ihn oder sie bewegt, nicht nur im Traum -natürlich auf Traumart verschlüsselt und verdichtet- oder durch Imaginationen zu Musik bearbeiten, sondern auch mit ästhetischen Mitteln, z.B. mit Musikinstrumenten, aktiv gestalten.
Träumen, Imaginieren und Musik
Träumen, Imaginieren und Musik sind existenziell wichtige Dinge, ohne die wir uns höchst einseitig entwickeln würden und unsere Potenziale nicht ausschöpfen würden. Ein Psychotiker z. B. kann diese Potenziale nicht ausschöpfen, weil er nicht symbolisieren kann. Er lebt in einer Symbolwelt und seine Imaginationen und Träume sind keine Symbolisierungen, die eine Welt virtueller Möglichkeiten zur Bewältigung innerer und äußerer Wirklichkeiten darstellen, sondern sie sind für ihn real. Weil er nicht zwischen Einbildung und Realität unterscheiden kann, kann ein psychotischer Mensch diese Welt emotional nicht differenzieren. Wenn er dies könnte, könnte er die Welt probehandelnd erkunden und gestalten, was möglich ist. Er kann Bereiche des Bewusstseins erkunden, die einem im Alltag verschlossen sind und somit seinen inneren seelischen Reichtum nutzen und erweitern.
In der Integrativen Musiktherapie, die ich vertrete, setzen wir Nachtträume (und genau so Tagträume) in konkrete Handlung um, indem wir sie in der musikalischen Improvisation reinszenieren, emotional hörbar machen und ausgestalten. Traumsymbole erfahren Bedeutung, indem sie musikalisch hörbar werden. Man kann das mit der Rolle der Filmmusik vergleichen, die ja dazu dient, die emotionale Lesart der Bilder zu verdeutlichten. Was uns bewegt, soll Ausdruck bekommen. Es wird nicht nur darüber gesprochen, weil über etwas reden die Sache meistens eher verkürzt, oft auch völlig daneben geht, sondern wir gehen in die ästhetische Gestaltung, damit das, was uns bewegt, eine musikalische Gestalt bekommt, in der die ganze Vielfalt unseres Erlebens hörbar wird. Als Integrative Musiktherapeutin will ich Träume nicht in ein bestimmtes Interpretationsschema pressen, z.B. dass ein Geigenbogen ein Freudsches Phallussymbol zu sein hat oder so. Der Traum ist eine ursprünglich Sprache, eine Weise des Konstruierens von Welt, die nur der Träumer selber deuten kann. In der Therapie geht es darum, dass der Klient/die Klientin selber merkt, worum es geht. Er oder sie soll für die Traumsymbole, die seine Lebenserfahrungen verdichten, ein Gespür entwickeln (Frohne-Hagemann 2001b, 266). Man erinnere sich an den Film „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ ! Das Wort "Gespür" ist ein sinnliches und leibliches Wort, das aber sehr viel mehr als das sinnliche Spüren des bloßen Schnees umfasst. Fräulein Smilla kennt Schnee aus Erfahrung in verschiedensten Qualitäten, Beschaffenheiten und sie verbindet mit Schnee besondere Situationen und Lebenszusammenhänge, die den Schnee zu etwas ästhetisch Bedeutsamen machen. Das Gespür für etwas bezieht sinnliche Erfahrungen, Hintergründe, Bedingungen und Zusammenhänge ein, die alle ein-gebildet werden. Das Gespür für etwas beruht auf gespeicherten Erfahrungen und wenn wir die Archive des Leibes öffnen, um das Gespür für Zusammenhänge zu nutzen, fühlt es sich an wie Intuition. Intuition ist Erfahrung und Wissen, nicht nur Wissen von etwas oder über etwas, sondern Wissen "um" etwas. Imaginationen zeigen das Gespür der Seele und ihrer Suchbewegungen. Man kann Imaginationen malen und sie zeigen das Gespür des Malers. Heidegger schreibt über das Gemälde "Das Schuhzeug" von Van Gogh:
,,In dem Schuhzeug (V. Gogh) schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifenden Korns und ihr unerklärtes Sich Versagen in der öden Branche des winterlichen Feldes“ (Heidegger, 1957, 22). ,,Das Kunstwerk gab zu wissen, was das Schuhzeug in Wahrheit ist“ (ibd., 24).
Wenn wir in der aktiven Musiktherapie Träume musikalisch inszenieren, schwingen alle leiblichen Erfahrungen - und diese sind immer zwischenmenschliche- mit, die in diesem Traum verdichtet sind. Wenn wir sie in Musik umsetzen und das imaginative Gespür aktivieren, wie es klingen soll, kommen Szenen hoch, Gefühle, die damit verknüpft sind und diese können geteilt werden. Das ist das, was Musik in der therapeutischen Arbeit bewirken kann.
Die Inszenierung der Träume
Ich möchte dies nun an Lenes Traum veranschaulichen:
Ich bitte Lene, ihren Traum langsam und in der Gegenwartsform zu erzählen. Dann frage ich sie, was für sie wichtig ist. In diesem Drama sei das Wichtigste der Bogen und das Begräbnis.
Während sie spricht, hält sie
die ganze Zeit den Schlegel eines Xylofons in der Hand, den sie hin und her
wendet. Mir fällt das auf und ich frage sie, ob sie mit dem Geigenbogen noch
mal - so wie im Traum- die Musik
innerlich, aber eben hier bei uns im
Raum spielen könne. Lene sitzt
nun mit dem Bogen, dem Schlegel, in
der Hand und hört der Musik in ihr selbst
intensiv zu, während es in der Gruppe mucksmäuschenstill ist. Es breitet
sich eine sehr dichte Atmosphäre aus, man hört die Musik quasi zwischen den
Zeilen klingen und man hört in der Stille die Atmosphäre, wie verloren ihr
alles erscheint. Ich frage nach einer langen Weile, ob wir die Musik mitspielen
dürfen, d.h. ich signalisiere ihr, dass wir ihre Musik hören können, dass
wir also ganz dabei sind und ihre Gefühle teilen können. Da ist Lene
zutiefst berührt und weint bitterlich. Seit ihrem schweren Unfall kann sie
hier unter uns und mit uns zum ersten Mal weinen.
Die Gruppe improvisiert eine
sehr mitfühlende Trauermusik und Lene lässt ihren Tränen freien Lauf. Es
ist für Lene, aber auch für alle anderen
eine ganz tiefe gemeinsame Erfahrung,
diese Not teilen zu können. Es bedeutet auch, sie damit ein Stückchen los zu
werden oder die Einsamkeit begraben zu können.
Die musiktherapeutische Traumbearbeitung bestand hier aus zwei Komponenten: einmal die Stille - und diese ist eine musikalische Qualität- und die mit dieser Stille verbundene Atmosphäre der Einsamkeit zu teilen. Zum zweiten dem Gefühl der Trauer einen hörbaren Ausdruck geben zu können. Es gab noch andere Komponenten in dem Traum, z.B. der Mönch, das Verbot zu spielen, die Geige selber und der blutige Sumpf. Der blutige Sumpf, die wertlose Geige und das Spielverbot werden jedoch vor dem Hintergrund der Arbeit von selber klar. Wie kann ein versehrter Mensch sich wertvoll und zugehörig fühlen, wenn man noch in seinem Blute schwimmt? Umso bedeutsamer war die neue Erfahrung in der Gruppe, die intersubjektiv geteilt wurde.
Man kann ja einen Traum für sich selber klar haben. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn sein emotionaler Gehalt mit anderen geteilt werden kann. Wir werden Menschen durch den Mitmenschen. Wir existieren nicht, wenn wir nicht ko-existieren. Wer nie gesehen und berührt wurde, hat kein Gefühl für sich selbst, fühlt sich irgendwie nicht existent. Die Arbeit mit Traum und Imagination ist eine Arbeit, bei der neue Wirklichkeiten entstehen oder Wirklichkeiten neu entstehen, und wenn diese Wirklichkeiten geteilt werden können, findet Heilung statt. Das Schöne an Musik ist, das sie ein soziales Ereignis ist, und dass man sie gemeinsam erleben kann.
Betrachten wir Miriams Traum. Das ist der Traum mit der überfahrenen Großmutter und der Sys, die immer jünger wird. Sys ist im Dänischen ein Name, erinnert aber auch an eine Abkürzung für Söster, die Schwester.
Während
Miriam uns den Traum in der Gegenwart erzählt, wird ihr die erschreckende Atmosphäre
deutlicher. Daher gehen wir so vor, dass zunächst die erste Szene
atmosphärisch in Musik umgesetzt wird, d.h. es geht darum, Miriams Resonanz
auf das, was sie vom Hügel aus sieht und auf das, was dann
näher kommt, mit Klängen auszudrücken. Ich nenne das inszenierende
Improvisation, weil man eben nicht einfach drauflos spielt, sondern wie
ein Filmkomponist sehr sorgfältig imaginiert und komponiert. Miriam nimmt
sich die Zeit, für die Atmosphäre Klangvorstellungen zu entwickeln, genau
hinzufühlen und auszuprobieren, was wie klingen sollte und dann wählt sie
Gruppenmitglieder aus, die auf ihre ganz genaue Anweisung hin dumpfe
Paukenschläge spielen, dazu ein Kratzen auf der Conga mit plötzlichen
Wischbewegungen, und schließlich müssen noch kurze Akkorde auf dem Klavier
dazu kommen.
Miriam
hört sich nun diese Musik wie eine Filmmusik zu ihrem Traum an und erlebt mit
jeder Faser ihres Leibes, wie erschreckend und gruselig die geträumte
Szene ist. Je näher sie
auf das Traumbild zukommt, desto deutlicher spürt sie, dass es sehr mit ihr
selber zu tun hat. Während sie die Musik auf sich wirken lässt, taucht das
Gesicht der Großmutter ganz nah vor ihrem inneren Auge auf. Das Erschreckende
ist das Verrunzelte, Pergamentartige im Gegensatz zur
warmen Haut und dem friedlichen Gesichtsausdruck. Die Musik macht
gerade diese Diskrepanz durch ihre unheimliche und groteske Atmosphäre
deutlich. Es wird eine Spannung spürbar. In einem weiteren Schritt will sich
Miriam nun der Sys zuwenden, das scheint wohl sicherer. Ich bitte Miriam, der
Sys ein Instrument zuzuordnen und ihr eine
Musik zu geben. Miriam wählt das Klavier, auf dem sie
eine einfache Kindermelodie spielt: la la la la laa laa
Sie
findet die Melodie fröhlich, ja, ganz o.k. Ich bitte sie aber, die
Melodie auch einmal selber zu singen, und da merkt sie plötzlich, dass
dieses Liedchen neben
einer gewissen Unschuld (Kinderwelt) auch eine ordentliche Portion
Trotz ausdrückt. Da ist wieder die Diskrepanz, die schon in der ganzen
Atmosphäre hörbar wurde. Die Wahrnehmung der Diskrepanz zwischen heiler
Kinderwelt und Gegen-etwas-trotzen lässt sie schlagartig fühlen, dass in
Wirklichkeit alles sehr, sehr traurig ist und sie beginnt zu weinen. Und
nun taucht endlich die Erinnerung dazu auf, die sie im Gedächtnis ihres
Leibes vergraben hatte. Jetzt erinnert sie sich daran, dass die Großmutter
tatsächlich überfahren wurde, als Miriam
drei Jahre alt war. Im Traum wurde die Sys ja auch 3 Jahre alt. Da ihre
Mutter aber hochschwanger gewesen war -ein Schwesterchen (d.h. eine andere Sys)
war unterwegs-, durfte der Tod nicht zu tragisch genommen und schon gar nicht
betrauert werden. Es wurde in der
Familie grundsätzlich als peinlich empfunden, sich - wie es hieß -
"emotional gehen zu lassen". Würde und Haltung musste gewahrt
werden. Die Familie verstand nicht, dass emotionale Trauerarbeit nichts damit
zu tun haben muss, seine Würde und Haltung zu verlieren, ja, dass im
Gegenteil, man sie durch Trauerarbeit wieder findet.
Auch
hier improvisieren die Gruppenmitglieder nun eine Trauermusik, die sehr warm
und mitfühlend klingt. Dadurch entsteht eine seelische Weitung und Miriam
darf endlich den Tod der Großmutter betrauern, um diese Gestalt schließen zu
können.
Der musikalische Ausdruck der unheimlichen Atmosphäre machte es möglich, die ganze Problematik des Totschweigens eines emotional sehr bedeutsamen Ereignisses offen zu legen und einen Zugang zu der verhinderten Trauer zu finden. Durch die Identifikation mit Sys, dem kindlichen Alter Ego von Miriam und durch die trotzige Kindermelodie wurde die Diskrepanz deutlich. Die Gruppenimprovisation gab den Boden für den Ausdruck der Trauer.
Ich habe ziemlich oft die Erfahrung gemacht, dass Musik solche verstopften emotionalen Kanäle freilegen kann, und dass sie Zugänge herstellen kann zu verdrängten oder totgeschwiegenen Erinnerungen, Tabus und sogar zu kollektiven Schädigungen, die weit über das Persönliche hinausgehen und z.B. Probleme offen legen, die die Kinder der Täter- und Mitläufergeneration des dritten Reiches für die Eltern mittragen. Das musikalische Inszenieren von Traumatmosphären lässt oft Szenen hinter den Szenen auftauchen, die über Generationen in unseren leiblichen Gedächtnisspeichern mitgeschleppt werden, oft nur als Atmosphären und emotionale Klimata, die nicht sprachlich benannt werden können.
Techniken der Traumbearbeitung
Folgende Techniken kann man zur Bearbeitung von Träumen und Tagträumen einsetzen:
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-
die Atmosphäre eines Traumes musikalisch gestalten und die
eigene Resonanz darauf wahrnehmen
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-
Gefühle musikalisch ausdrücken
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-
Einem Traumsymbol ein Instrument zuordnen, ihm eine Stimme (Klang,
Spielweise) geben
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-
Sich damit identifizieren und sich entsprechend ausdrücken, z.B. dem
blutigen Sumpf einen klanglichen Ausdruckgeben
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-
Zwischen Traumsymbolen musikalische und dann auch verbale Dialoge
spielen.
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Rezeptive Musiktherapie
Die Rolle komponierter Musik
Ich möchte nun auf die rezeptive Arbeit mit durch Musik evozierten Imaginationen zu sprechen kommen und deswegen noch etwas auf die Bedeutung komponierter Musik eingehen.
Musik ist als komponiertes Werk ein Produkt, gleichzeitig ist sie aber auch ein Prozessgeschehen. Wenn wir sie nicht nur kognitiv verstehen wollen, dürfen wir nicht nur über sie reden, sondern sollten sie vor allem erleben, und das heißt immer in der Zeit erleben. Man kann sagen: ich bin traurig, aber niemand weiß wirklich, was ich damit genau meine, weil keiner fühlt mit, wie ich traurig bin. Wenn ich immerhin meine Traurigkeit in der Zeit musikalisch ausdrücke, kann man die Qualität meiner Traurigkeit vielleicht besser mitfühlen und verstehen. Musik macht den Prozess des Erlebens deutlicher. Außerdem besteht Musik nicht aus Tönen, sondern aus Kraftfeldern und Zwischenräumen. Was wir als Musik erleben, ist das Dazwischen, das ist etwas Räumliches. Die Töne sind ja fest. C ist C und D ist D. Das bewegt sich nichts. Was wir hören sind aber dynamische Bewegungen, Bewegungen im Tonraum und in der Zeit.
So ist das auch mit schöpferischen Vorgängen und Imaginationen. Sie vollziehen sich in den Zwischenräumen und Beziehungsgefügen der Wirklichkeit im Zeitverlauf. Wenn wir Musik wirklich er-Fahren und er-Leben wollen, muss der Vorgang des Symbolisierens nach- oder mitvollzogen werden. Was wir musikalisch erleben und erfahren ist nicht das Presto, das Allegro, das Adagio, sondern das Anschwellende, das Verschwindende, das Dehnende, Verlangsamende oder Verdichtende der Musik. In der Form des Gerundiums wird der musikalische Vorgang besser ausgedrückt als durch bloße Satzbezeichnungen. Durch erlebende, also nicht produktorientierte Tätigkeiten, er-fahren wir Welt und tauchen in die Zeit ein und gerade das ist für die therapeutische Arbeit besonders wichtig, weil wir das Erleben der Patienten und PatientInnen, das oftmals verloren gegangen oder erstarrt ist, in Fluss bekommen wollen, damit sie belastende Dinge verarbeiten können.
Wenn Musik auf diese Weise in ihren Bewegungsverläufen mitvollzogen und in ihren Spannungsbeziehungen er-fahren wird -und das sind Vitalitätsaffekte- , wird sie ziemlich bald auch mit Atmosphären und mit Imaginationen wie Bildern, Szenen, Erinnerungen, Körpersensationen, usw. verknüpft, die von emotionaler Bedeutung sind. Musik, die uns z.B. leiblich weitet, kann mit Freude, Sonne, Licht, Urlaub, wachsen, öffnen, usw. assoziiert werden. Verlangsamende Musik kann je nach Lebenskontext und Vorerfahrungen z.B. mit Erschöpfung, zur Ruhe kommen, Hoffnung oder Vertrauen verlieren, Geborgenheit finden, einschlafen, usw. usf. verbunden werden .
So entstehen auch Imaginationen zu gehörter Musik. Wenn wir uns auf die Musik einlassen, kann ihre Dynamik entsprechende Gefühls- und Erlebensstrukturen in uns aktivieren, die dann mit persönlichen Imaginationen verknüpft werden. Musik kann natürlich auch Widerstand und Abwehr auslösen. Wer sich von den in der Musik transportierten Gefühlsqualitäten bedroht fühlt, muss oft überhaupt Gefühle abwehren, die auf Konflikte hinweisen. Das Thema ist dann da und die Musik tut ihr Gutes, indem sie sich als Übertragungsfigur anbietet. Der Musik macht das nichts aus, ob der Klient immer musikalisch-gefühlsmäßig mit geht oder ob er andere Zusammenhänge auf sie projiziert. Insofern ist Musik eine hervorragende und geduldige Ko-Therapeutin.
Eine GIM Sitzung
Das Musikprogramm, das ich zum Beispiel für Anna wählte, hatte für sie keine bedrohliche Qualität und erlaubte ihr, sich auf die Musik einzulassen und die inneren Bilder in Ruhe zu erkunden. Die Klanglandschaft ist reich an Stimmungen und lässt subtilen Gefühlen Raum.
(Schon bei den ersten Klängen
bricht sie in Weinen aus). Ich sehe ein Mädchen auf der Wiese spielen, meine
ältere Schwester und ihre Kinder. Ich bin nicht dabei, ich gucke wehmütig.
Es ist so viel Ernst in mir, dabei kann ich gar nicht genug von ihren Spielen
kriegen. Ich sitze am Rand und schaue zu. Ich sehe die Blumen, die
Schmetterlinge und sauge das Spiel in mich hinein.
[du
es in dich hinein fließen
lassen?]
ja., ich
bin jetzt in ein Spiel vertieft....., ich will nicht immer an meinen Beruf
denken, der macht mir Kopfzerbrechen.
imaginiert Anna:
Ich sehe mich mit meiner Flöte.
Jetzt habe ich meinen Ton, eine wunderschöne Sprache, ich habe Ausdruck. Ich
bin völlig in Ordnung [kannst
du das genießen?] Ja, auch mit dem, was passiert ist. Ich bin keine dunkle
Gestalt geworden. Der Ton ist noch da, ---
der begleitet mich durch schwierige Zeiten, er muss nur zwischendurch
mal lauter werden, aber er geht nicht weg. Er ist auch nicht allein, ja, ich
bin nicht allein [Du
bist nicht allein] Nein, bin ich nicht.
Ich höre der Musik zu
[was
sagt sie dir?]. Sie
besänftigt und bestätigt mich, sie kehrt wieder, darauf kann ich mich
verlassen. Ganz was Vertrautes, tröstend.
Nr. 3 ist das Stück "The planets" und
zwar Venus, komponiert von G. Holst
Die Musik tut gut, sie richtet
auf [ja,
lass
dich von ihr aufrichten!]
(Anna weint) Ein Licht, ein Geschenk, ganz
Segen [Kannst
Du das beschreiben?]
Ich stehe jetzt in Kontakt mit
vielen Engeln, guten Menschen, es ist ein Geben und Nehmen, gute Gespräche,
ganz lebendiges Beisammensein, ich fühle mich wohl.
Das letzte, das 4. Stück "Fantasia on
Greensleeves" von R. Vaughan-Williams rundet die Sitzung
ab, gibt Zeit und Raum zum sanften Beenden der Reise. In Annas Fall gibt die
Musik Raum für Versöhnliches.
Jetzt bin ich unterwegs,
irgendwohin, aber guter Dinge und gut gerüstet. Wo es auch hingeht, habe ich
doch viel auf dem Wege mitbekommen, den Segen, das Wissen, dass mich jemand
begleitet und anschaut und jederzeit herbeirufbar ist und dass ich das
wiederholen kann, Ja, und das Wissen, dass ich das auch tun sollte,
dass ich empfänglich bin und mich nur oft nicht dafür offen mache.
Es ist fast nicht zu glauben, dass Anna in den Tagen danach schwanger wurde. Aber es war so.
Zum Vorgehen:
In der rezeptiven Musiktherapie und besonders in der Arbeit mit Imaginationen dient die Reise der Seele in die Bilder- und Gefühlswelt nicht der Ablenkung oder Entspannung, sondern der Durcharbeitung und Verarbeitung von belastenden Erlebnissen. Der Klient benennt in der Regel das, was sein Thema ist. Danach sucht der Therapeut die geeignete Musik aus. Es ist also nicht so wie bei manchen Fantasiereisen, wo der Therapeut eine Musik auflegt und dann sagt, was man sich vorstellen soll, z.B. wie man zu dem berühmten weisen Mann in einem hohlen Baume gelangt, der einem dann ein goldenes Kästchen gibt, in welchem ein Zettel ist, auf dem dann eine verschlüsselte Botschaft steht.
Eine Sitzung mit musikgeleiteter Imagination (GIM) gliedert sich innerhalb der etwa 1 ½ bis 2 stündigen Einzelsitzung in vier Phasen:
1. Vorgespräch :
Hier
wird die GIM-Sitzung vorbereitet. Es geht darum, das
Thema für die heutige Sitzung zu klären. Dies kann das gerade vorherrschende
Lebensthema sein, wie z.B. das Bedürfnis nach innerer Ruhe. Innerhalb einer
psychotherapeutischen Behandlung kann es etwas Wichtiges aus der letzten
Therapiesitzung, ein anderes Thema (z.B. Trennung, Verlust, ein
Beziehungsproblem) oder auch ein Traum sein.
Beispiel:
Frau B., eine 50-jährige Krankenschwester, brachte z.B. als Thema ein, dass sie sich überfordert fühlte von der Unmenschlichkeit in ihrem Beruf. Sie wollte mehr Zeit für Patienten haben und konnte ihnen nicht beistehen, wenn sie unheilbar krank dem Tode entgegen siechten. Der Fokus war, ihre Not ausdrücken zu können und sich zu entlasten.
2. Körperliche Lösung
und Fokussierung:
Vor der eigentlichen Reise wird dem Klienten dabei geholfen, sich in einen körperlich-seelischen Zustand der inneren Sammlung mit einer Fokussierung auf das Thema zu versetzen und eine Brücke zur Welt der Imaginationen und zum Musikerlebnis zu finden.
Beispiel:
Die Therapeutin leitete Frau
B. an, sich von der Matratze, auf der sie sich gelegt hatte, tragen zu lassen,
der Atmung zu vertrauen und sich allmählich loszulassen und nach Innen zu
wenden.
3. Hören der Musik:
Dies dauert ca. 10 - 40 Minuten, während dessen richtet der Klient seine Aufmerksamkeit auf die Musik und sein Erleben. Therapeutin und Klient bleiben dabei im verbalen Kontakt. Dies ermöglicht dem Klienten, bei seinen Wahrnehmungen und Gefühlen zu bleiben, was das Erlebnis vertieft. Die Therapeutin führt Protokoll über das Gesagte, so dass sich beide auch später Details der Reise wieder in Erinnerung rufen können.
Beispiel:
Frau B. konnte sich in ihrer GIM-Sitzung
mit dem Fluss und der ernsten Stimmung der Musik (hier: Albinoni sowie 3 kurze
Werke von J. S. Bach) so identifizieren und tragen lassen, dass sie Entlastung
von ihrer schweren Arbeit erfuhr, indem sie ihre Überforderung hinsichtlich
der Betreuung sterbender Patienten beweinen konnte und auch Zusammenhänge zu
ihrem Schicksal fand, andere immer “retten“ zu müssen. Die Musik öffnete
den Raum zu ihrem Inneren, wo sie über die Musik und die verbale Begleitung
der Therapeutin Trost, Zuversicht und Frieden erlebte, also eine Stärkung
erfuhr.
4. Nachgespräch und
Integration
Hier wird über das in der Musik Erlebte gesprochen. Insbesondere wird erkundet, wo es Zusammenhänge zum Leben und zum derzeitigen Thema des Klienten gibt. Durch Malen, Plastizieren oder Schreiben können wichtige Erlebnisse auf einer anderen Ebene sichtbar und weiter bearbeitet werden. Eine künstlerische Umsetzung beim Malen eines Bildes vermag die Integration des Erlebten für die jeweilige Lebenssituation zu erleichtern.
Beispiel:
Frau B. malte hier ihre
eigene Hand, die einen Vogelkäfig trug, deren Tür geöffnet war und aus der
ein kleiner Vogel heraus flog: Befreiung aus dem innerlichen
Eingeschlossensein und der Einsamkeit, weil sie in der Hektik des Berufes die
traurigen Gefühle nicht mit anderen teilen konnte. Sie fühlte sich genährt
und wieder im Kontakt mit ihrem Selbst und konnte gestärkt ihre Arbeit wieder
aufnehmen.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, welche Musik man denn auswählt und ob die Auswahl nicht überhaupt eine gewaltige Manipulation des Klienten bedeutet, also ob der Therapeut nicht Gefahr läuft, nur das, was er selber gut findet, dem Klienten aufzustülpen. Die Auswahl ist in der Tat nicht immer einfach. Aber es hilft, wenn der Klient sein Thema nennt. Außerdem kennt der Therapeut seinen Klienten und auch dessen Musikgeschmack. Eine musikalische Anamnese ist vorangegangen. Eine große Portion therapeutisches Gespür für das, was dem Klienten dienen könnte, gehört natürlich dazu. Aber das ist in jeder Therapieform so. Um überhaupt eine Sammlung von Musikstücken anzulegen, kann man Musik nach folgenden Kategorien aussuchen.
In der musikevozierten Imagination bei GIM ist die Gefühlsarbeit entscheidend, die oft mit der Arbeit am expressiven Leibe verbunden ist. Der Therapeut ermutigt den Klienten dabei, z.B. das Weinen nicht runter zu schlucken, sondern loszulassen und ruhig mit dem ganzen Leibe zu schluchzen usw. Die Musik unterstützt dabei die Gefühlsbewegungen der Patientin: ein verknotetes Weinen kann umso besser gelöst werden, wenn die Patientin mit dem musikalischen Crescendo und der Intensitätssteigerung mitweinen kann, sozusagen angesteckt wird, aber Musik bietet dabei gleichzeitig auch den sicheren Rahmen für das Auffangen der Gefühle - man weiß, die Musik bleibt nicht beim Schluchzen stehen, sondern wird diese Gestalt schließen -. Musik trägt unsere Gefühle durch die notwendige Zeit. Musik ein Behälter und ein Träger, ein Katalysator sowie eine Ressource für die psychologische Arbeit.
Zum Anderen nimmt die Musik es jedoch auch nicht übel, wenn sie im Laufe der Reise gelegentlich zum reinen Hintergrund wird oder wenn sie gar negative Übertragungen abbekommt. Manchmal allerdings passt eine bestimmte Musik überhaupt nicht: Wenn der Klient gerade ein Gefühl der Wut und des Ärgers durchlebt und der Therapeut merkt, dass das nächste Musikstück dieses Gefühl abwürgen würde wird, dann legt der Therapeut auch eine andere, passendere Musik auf. Man kann ja auch nicht sagen: "Lass Dich von der Musik in Deiner Trauer tragen" und es kommt womöglich eine lustige Marschmusik. Das geht natürlich nicht. Dies heißt aber, dass der Therapeut die verwendeten Musiken und ihre psychodynamische Entwicklung durch die verschiedenen Stücke sehr, sehr gut kennt, so dass er die Musik so schnell auswechseln kann wie notwendig. Ich habe immer mehrere CDs um mich herum liegen, die ich im Falle eines Falles schnell benutzen kann.
Ferner möchte ich auf das Ausdrucksspektrum der Musik hinweisen, für das bereits Kate Hevner 1936 das Modell des sog. "Mood wheel" entwickelt hat (Hevner 1936). Es hilft für die Auswahl der Musik und die Einschätzung, welche Gefühlsqualitäten und Funktionen die Musik im Moment vermitteln oder stimulieren könnte. Ich die Kategorien dieses Modells und noch um eine erweitert. Man muss sie sich in Kreisform vorstellen, d.h. die Kategorien Lebenslust und Lösung liegen nebeneinander:
Das "Mood Wheel"
(die Musik ist vergnügt-lustig-fröhlich-scherzhaft, entzückend, heiter-strahlend, glücklich-lebenslustig, aufmunternd-froh, lebhaft-aufgeweckt)
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(die Musik ist humorvoll, spielerisch, kurios-grillig, einfallsreich, drollig-putzig-wunderlich, munter-lebendig, köstlich, leichtfüßig, anmutig-reizend)
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(die Musik ist energisch-tatkräftig-eindringlich, kräftig-derb-kernig, nachdrücklich, wuchtig-massig, majestätisch, ermutigend, begeisternd, anspornend)
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(die Musik ist lyrisch, gemächlich-behaglich-gemütlich, sättigend-befriedigend-nährend, heiter-gelassen, ruhig-friedlich-gelassen, besänftigend, lindernd, stillend, Geborgenheit vermittelnd)
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(die Musik ist ängstigend, überrollend, ergreifend, traurig-bekümmert, betrübend, düster-klagend, tragisch, melancholisch-wehmütig, enttäuschend, niederschlagend, schwermütig-trübsinnig-hoffnungslos, schwerbeladen, dunkel, öde, leer, verebbend, erstarrend, anrührend, empathisch Betroffenheit weckend)
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(die Musik ist aufschwingend-emporstrebend, antreibend, triumphierend-frohlockend-jubelnd, dramatisch-spannend, leidenschaftlich-heftig-jähzornig, sensationell-aufsehenerregend, gequält, bewegt, erregt, erschütternd, aufregend, ungestüm, unruhig, tobend, rasend, hadernd)
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(die Musik ist träumerisch, nachgiebig, zart, gefühlvoll, sehnsüchtig, verlangend-schmachtend, bittend-flehend, klagend, nach Erfüllung strebend)
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(die Musik ist transzendierend , würdevoll, erhaben, heilig, feierlich, ernst, besonnen, gesetzt, ernsthaft)
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(die Musik ist dramatisch auf einen Klimax hin angelegt,
kathartisch, durchbrechend, lösend)
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Man sieht wie viele unterschiedliche Facetten und Nuancen die Gefühlsqualitäten der genannten Kategorien haben. Je zwei Kategorien, die in diesem Modell kreisförmig nebeneinander liegen, haben etwas miteinander gemein: Geborgenheit kann z. B. trösten und dadurch aktivieren. Sie kann aber auch ermöglichen, Leid und den Schmerz zu erleben. Leid wiederum kann auch etwas von Leidenschaft und Passion haben, usw.. Ob z.B. eine Geborgenheit vermittelnde Musik eher ermutigt (aktivierende Musik) oder Leiderfahrungen stimuliert, das hängt immer vom Kontext, von der Situation, der Thematik des Klienten, seinen Hörerfahrungen und von vielen anderen Faktoren ab. Dies muss bei der Zusammenstellung der Musikstücke berücksichtigt werden.
Musikprogramme
Die Musikprogramme in GIM sind so zusammen gestellt, dass Entwicklungen psychodynamischer Art ermöglicht werden, die einem seelischen Verarbeitungsprozess entsprechen. Eine Fuge beispielsweise verarbeitet ein bestimmtes Thema auf immer neuen tonalen Zentren, als ob man das Thema von verschiedenen Standorten aus betrachtet. Das ist beim Kanon anders, denn da spielt sich alles auf derselben Tonika ab. Wenn ein Klient ein Thema hat, das für den Moment mal von verschiedenen Standorten aus betrachtet werden sollte, kann es sinnvoll sein, u.a. eine Fuge zu nehmen. Wie aber der Klient diese Fuge mit seinem persönlichen Thema einfärbt, ist individuell verschieden. Ich bin selber immer wieder überrascht, wie ich bestimmte Programme je nachdem, was die Klientin gerade erlebt, ebenfalls immer wieder völlig anders erlebe. Indem ich also zur selben Musik KlientInnen in deren verschiedenen Imaginationen erlebe, tun sich auch mir immer wieder neue musikalische Sichtweisen auf. Das zeigt nur wieder, wie vielschichtig und vieldeutig Musik ist.
Musik hat zwar ästhetische Strukturen, nach denen wir sie aussuchen können (sie kann z. B. durch Wiederholungen, einfache Tonalität usw. beruhigend strukturiert sein), doch die Bedeutung, die ihr gegeben wird, ist individuell und erfährt erst in Konsensprozessen einen Sinn, der miteinander geteilt werden kann. Wenn ich mit meinem Klienten intersubjektiv in Kontakt bin, spüre ich vielleicht am ehesten, welche Musik unserem therapeutischen Prozess gerade dienlich sein kann. Hier ist aber ein hohes Maß an Flexibilität notwendig.
Alle genannten Kategorien der Musik umfassen Gefühlsqualitäten, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen kennzeichnen. Sie alle werden mehr oder weniger in der Liebe gelebt. Deshalb sei als Schlusswort angefügt: Musik zeigt uns die Liebe und sie ist ihr Ausdrucksmedium, und dies, wenn wir Musik selber improvisieren und auch, wenn wir sie hörend erleben.
Literatur
Frohne-Hagemann, I. (2001a): Zur Arbeit mit Traum und Imagination als musiktherapeutische Technik in der Integrativen Musiktherapie. In: Oberegelsbacher, D., Storz, D. (Hrsg.): Wiener Beiträge zur Musiktherapie, Bd. 3, Ed. Paesens, Wien
Frohne-Hagemann, I. (2001b): Fenster zur Musiktherapie – Musik-theorie-therapie 1976-2001, Reichert Verlag, Wiesbaden
Frohne-Hagemann, I. (Hrsg.) (2004): Rezeptive Musiktherapie – Theorie und Praxis, Reichert Verlag, Wiesbaden (2007 auch auf englisch im selben Verlag)
Geiger, E. (2004): GIM- The Bonny Method of Guided Imagery and Music . Imaginative Psychotherapie mit Musik nach Helen Bonny. Eine Übersicht. In: Frohne-Hagemann, I. (Hrsg.) (2004): Rezeptive Musiktherapie – Theorie und Praxis, Reichert Verlag, Wiesbaden, 89-110
Hevner,
K. (1936): Experimental studies of the elements of expression in music. The
American Journal of Psychology 48, 246-268
Süselbeck-Schulz, B. (2004): Guided Imagery and Music (GIM) und Trauerarbeit – ein Fallbeispiel. In: Frohne-Hagemann, I. (Hrsg.) (2004): Rezeptive Musiktherapie – Theorie und Praxis, Reichert Verlag, Wiesbaden,139-156
und hier noch ein Beitrag zu einem anderen Thema
Isabelle Frohne-Hagemann
Zur Frage der Indikation von Musiktherapie bei Menschen mit Behinderung
Welche Funktion hat die Musik als Medium in der Therapie und was unterscheidet
ihren Einsatz von anderen künstlerischen Medien?
Eine Indikation für Musiktherapie ergibt sich immer aus der Problematik eines Patienten und den Zielen, die erreicht werden können, ferner aus der Frage, ob Musiktherapie oder eine andere Therapieform diese Ziele am besten erreichen kann. Letztlich muss die Indikation gut begründet werden können (Smeijsters 2004, 209ff). Auf die sehr unterschiedlichen Problematiken von Menschen mit Behinderung sowie auf die ganz spezifischen Indikationen für die Arbeit mit Musik bei ganz bestimmten Behinderungen einzugehen kann in diesem Beitrag nicht geleistet werden. Schwierig genug ist ohnehin die Entscheidung, ob Ziele der Heilung oder der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft fokussiert werden müssen, was wohl eher eine Frage ist, die die Kostenträger (Krankenkassen und Sozialleistungsträger) betrifft. In der Musiktherapie ist es schwer, hier eine eindeutige Grenze zu ziehen. Die „Heilung“ z.B. einer Depression schließt auch die befriedigende Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ein. Umgekehrt kann ein Mensch mit einer Behinderung sehr wohl Psychotherapie brauchen, um sich selbst verstehen und regulieren zu lernen. Wenn das Leben Sinn machen soll, muss man seinen Platz in der Gemeinschaft haben und um diesen zu haben, muss man erfahren haben, was es überhaupt heißt, in Beziehung zu sein. „Blind ist nicht der, wer nicht sehen kann, sondern wer allen misstraut. Behindert ist nicht, wem ein Arm fehlt, sondern der, der nie umarmt“ (Cirilio Adriazola).
Musiktherapie ist dadurch, dass ihr Medium Musik Menschen verbindet und sie emotional erreicht, in beiden Feldern hilfreich. Sie kann die psychotherapeutische Arbeit sehr bereichern, ja, man kommt oft sehr schnell und tief zu den neuralgischen Punkten und in der Rehabilitation ist sie in vielen Fällen die Methode der Wahl, weil sie einerseits oft die einzig mögliche Sprache ist und andererseits, weil die therapeutischen Funktionen der Musik grundsätzlich und immer beziehungsstiftend und beziehungsfördernd sind.
Die nahe liegendste Frage, die Laien immer fragen, ist immer: „Ja, was ist denn das Spezifische der Musiktherapie. Wieso denn Musik? Was macht die Musik? Wie wirkt sie?“ und man stellt sich dann so vor, dass der Patient doch mindestens ein Instrument spielen können muss und dass das doch ziemlich schwierig sei. Oder dass man Musik hören soll und dass sich dann die Stimmung gleich verbessern müsste.
Ich möchte deshalb hier skizzieren, welche therapeutischen Funktionen die Musik in der Therapie haben kann, wobei man sich jedoch darum im klaren sein sollte, dass die verschiedenen Funktionen der Musik natürlich vielfältig sind und auch nur aus dem Gesamtkontext entstehen, der wiederum ja nicht nur durch die therapeutischen Ziele bestimmt wird, sondern auch durch die Situation, die Beziehung zwischen Patient und Therapeut und vielen anderen Faktoren.
Die Musiktherapeutin Prof. Dr. Karin Schumacher arbeit mit Kindern mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und hat zusammen mit ihrer Kollegin Claudine Calvet-Kruppa einige beeindruckende Filme gemacht. Kinder lassen sich hier durch die Musik der Therapeutin in eine soziale Beziehung einbinden und dadurch können sie Beziehung erfahren. Das geschieht z.B., indem das autistische Kind in einer Hängematte musikalisch begleitet wird.
Man denke sich das einmal ohne die musikalische Begleitung der Therapeutin. Das Kind hätte ohne die Musik natürlich auch einen Bewegungsrhythmus gefunden. Er hätte sich der Therapeutin vielleicht bedient, sie funktionalisiert, um die Hängematte ins Schwingen zu bekommen. Was aber die Musik macht, ist, dass das Zwischenmenschliche besonders hereingekommen ist. Die Musik der Therapeutin macht die Bewegungsimpulse des Kindes hörbar. Das Kind kann erleben, dass jemand anderes sein Tun sehr fein wahrnimmt, hörbar mit vollzieht und dadurch in eine intersubjektive Beziehung bringt. Musik verbindet. Es geht hier also nicht um eine rein moto-therapeutische Maßnahme, um z. B. die Motorik oder die Koordination der Gliedmaßen zu verbessern.
In einer der gefilmten Szenen wird auch das Tun und Erleben eines autistischen Kindes besungen und musikalisch illustriert. In der Filmszene steht ein Junge hinter einem Geländer und lässt ein Stück Stoff herabhängen bzw. zieht es wieder hoch. Die Therapeutin singt: „es war einmal ein Vorhang, blau und grün, der hing heraus, der hing heraus und .....“ Man stelle sich vor, die Therapeutin würde das Erleben des Kindes bloß verbal kommentieren. Sie würde vielleicht sagen: „ es war einmal ein Vorhang, der hing aus dem Fenster und manchmal wurde er auch wieder reingezogen“. Das wäre im Vergleich eher platt. Das rein verbale Kommentieren kann zu direkt sein, man mag dann vielleicht nicht mehr mitspielen. Die Musik aber stellt eine Brücke dar, ein Intermediärobjekt, welches Therapeutin und Kind in Beziehung bringt. Die Musik ist es, nicht die Therapeutin als Person, die das Erleben des Kindes widerspiegelt und neue Impulse setzt. Die Musik bindet das Kind in die Geschichte ein und gibt ihr Sinn, weil Musik auch eine zeitliche Dimension hat. Erleben breitet sich in der Zeit aus. Wenn ich sage: „ ich bin einsam“ ist das ein Satz und man weiß noch nicht, wie sich Einsamkeit f€r mich anfühlt. Die Musik dazu aber gibt dem Gefühl der Einsamkeit die notwendige Zeit, wirklich empfunden zu werden und sich entwickeln zu können. Nur dadurch erhält dann auch die Geschichte des Vorhangs einen Sinn, der in seiner emotionalen Bedeutung geteilt werden kann. Ganz genau so ist es bei Filmmusik, die ja dazu dient, die emotionale Lesart einer Geschichte oder einer Szene erfahrbar zu machen.
Folgende Funktionen der Musik können therapeutischen Charakter bekommen
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Funktion als Halt, Rahmen oder Gefäß. („Container“) |
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Vehikelfunktion |
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Funktion als Katalysator |
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Funktion als basaler Sinnesstimulus |
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Funktion als Übergangs- und Intermediärobjekt |
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Funktion als Zeugin und emotionaler Resonanzgeber |
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Funktion als Projektionsfläche |
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Funktion als Ressource |
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integrative Funktion |
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soziokulturelle Funktion |
Die Aufzählung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Musik hat viele weitere Funktionen, die hier nicht alle aufgezählt werden können und z.T. auch für therapeutische Zwecke nicht relevant sind. Ich möchte hier nur auf einige wenige Funktionen eingehen, über die anderen kann in dem Buch von mir und meinem Kollegen Heino Pleß-Adamzcyk: „Indikation Musiktherapie bei psychischen Problemen im Kindes- und Jugendalter. Musiktherapeutische Diagnostik und Manual nach ICD 10“ (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2005) nachgelesen werden.
In ihrer Haltefunktion stellt Musik einen Rahmen (bzw. ein Gefäß) bereit, der Sicherheit und Stütze bietet. In dieser Funktion kann Musik durch gleich bleibendes Tempo, verlässlichen Rhythmus, klare Struktur und Form, durch Wiederholungen, usw. gemeinsame Zeit übersichtlich gestalten. Die Möglichkeit, sich auf etwas Drittes (die Zeitstruktur der Musik, musikalische Formen mit klarem Aufbau, Anfang und Ende) zu beziehen, hilft, Abstand und gleichzeitig Kontakt erfahrbar werden zu lassen. Die Struktur- und Haltefunktion der Musik ist die Grundlage für alle anderen therapeutischen Funktionen der Musik. Die Haltefunktion der Musik liegt allen Beziehungserfahrungen zu Grunde.
Ein gleichbleibender Rhythmus, eine klare musikalische Struktur und Wiederholbarkeit weckt Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, weil es dabei aus neurobiologischer Sicht zu Synchronisierungseffekten kommt. Jeder kennt diesen synchronisierenden Effekt auch in Gruppen. Man denke nur an die Laola-Welle beim Fußballpublikum.
Aus der Haltefunktion kann eine Vehikelfunktion entstehen. Ein Rhythmus, der antreibt, eine dynamische Bassführung, die uns mitnimmt, ist wie ein Vehikel, ein Fahrrad, das uns ins Erleben bringt. Indem die Patientin in der Improvisation von der Musik der Therapeutin musikalisch „mitgenommen“ wird und/oder indem sie die Dynamik der Patientin unterstützt und ermutigt, kann die Patientin spielerisch ins Erleben und in Fluss kommen, wobei es zum Teilen von Vitalitätsaffekten kommen kann und wobei auch eine mangelnde Impulskontrolle aufgefangen werden kann.
Menschen, die sozial isoliert sind und sich emotional nicht mitteilen können, vereinsamen und werden mit ihren Bedürfnissen allein gelassen. Ich denke an einen geistig und körperlich behinderten jungen Mann, der seine sexuellen Wünsche nicht leben konnte und daher zu seinen Betreuerinnen ziemlich aggressiv war. In der Musiktherapie wurde es durch das gemeinsame Spielen und im Spiel möglich, dass er seine sexuellen Impulse in musikalischer Dynamik ausdrücken konnte und erleben konnte, dass sie in ihrer musikalischen Form nicht abgelehnt, sondern unterstützt wurden. Es konnte also auf symbolische Weise Intimität und Nähe erlebt werden. Dies wirkte dann so, dass er viel weniger aggressiv wurde. Musik ermöglicht also, Erregung zu erleben, kathartisch auszudrücken und durch die Einbindung in die therapeutische Beziehung zu regulieren.
Die Hirnforschung hat gezeigt, dass Musik auf der Ebene neuronaler Aktivitätsmuster eine Harmonisierung und Synchronisation verschiedener Regelsysteme bewirken kann. Der Neurowissenschaftler Gerald Hüther (Musiktherapeutische Umschau 1, 2004, S. 16-25) hat dargestellt, dass Musikhören, Singen oder spielerisches Musizieren nicht nur einen Harmonisierungseffekt auf die z. T. sehr unterschiedlichen Aktivitäten der einzelnen neuronalen Netzwerke und Verarbeitungszentren in unserem Gehirn hat, sondern dass sich dieser Effekt auch auf die subkortikalen Bereiche wie z.B. auf das limbische System auswirkt, das für die Gefühle zuständig ist. Je stärker sich dieser Harmonisierungseffekt durch Verankerung im Erleben und Gedächtnis ausbreitet – und dazu braucht es ausgebildete Musiktherapeuten, die wissen was sie tun- , desto nachhaltig effektiver kommt es auch zu einer Erholung der -z. B. aufgrund von Angst, Unruhe oder Stress - gestörten Funktionen, und zwar sowohl im Bereich des kardiovaskulären Systems als auch des Immunsystems, des neuroendokrinologischen und des vegetativem Systems (S. 20, 21).
Eine andere therapeutische Funktion der Musik ist, dass sie die Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung und der Entwicklung von Achtsamkeit fördert. Musik hat hier eine Funktion als basaler Sinnesstimulus. Dies ist für wahrnehmungsgestörte Patienten von größter Wichtigkeit. Der Rhythmus ist z. B. ein guter Stimulus, um Bewegungsmuster und Koordination zu üben. Dabei ist das Verknüpfen und Einorden verschiedener Sinnesstimuli in ein Gesamtsystem zu leisten. Wir wissen z. B. alle, wie wichtig das Verknüpfen von Gehörtem mit Berührung und Bewegung ist. Man dreht sich immer um, um zu schauen, woher ein Klang kommt. Auge und Ohr spielen zusammen. Diese Fähigkeit ist uns an sich in die Wiege gelegt, sie ist angeboren, aber viele von uns und besonders Menschen mit bestimmten Behinderungen, müssen darin besonders stimuliert werden, um ihre Sinneserfahrungen auch im übertragenen Sinn verknüpfen zu können. Z. B. den „Braten riechen“, d.h. die Qualität einer Stimmung erfassen können. Dies zeigt, wie sehr die Sinneswahrnehmungen mit der Gefühlswelt zu tun haben.
Als Katalysator ermöglicht Musik einerseits das Ausdrücken und Durchleben von Affekten und Gefühlen bis hin zur Katharsis. Diese Funktion ist eine Verstärkung der Vehikelfunktion, sofern es sich um Affekte handelt. Das Bedienen eines Schlagzeuges hilft, Aggressionen nach außen zu bringen, ohne jemandem zu schaden. Die aggressiv ausgedrückte Musik hilft, die eigene Kraft zu spüren. Musik hat auch eine Katalysatorfunktion, wenn die Instrumente helfen, seinen Schmerz zu artikulieren.
Man muss hier aber aufpassen. Die Katalysatorfunktion beinhaltet nämlich auch, dass unbewusste Strebungen und Wünsche, maligne Atmosphären und emotionale häusliche Klimata Ausdruck bekommen können. Die Katalysatorfunktion kann traumatisches Material zum Vorschein bringen und die Musik kann u. U. auch bedrohlich werden. Behinderte Menschen sind oft mehrfach traumatisiert. Dann kann nur auf der Basis der haltgebenden Funktion der Musik das eigene Musikmachen helfen, schlimme Erfahrungen auszudrücken und mit dem verständnisvollen Musiktherapeuten zu teilen. Geteiltes Leid wird oft zum halbem Leid.
Zur Verarbeitung innerer Konflikte erlauben Musik und Musikinstrumente in ihrer Funktion als Projektionsfläche die Verlagerung innerer Konflikte nach außen. Musikinstrumente halten jeglichem Affekt stand. Sie lassen sich schlagen ohne sich wie Menschen verletzt zu fühlen. Der Patient kann seinen Schmerz nach außen bringen, indem er auf den Instrumenten wütet, während der Therapeut ihn mit dem Klavier den dazu notwendigen verlässlichen Halt gibt.
Musik kann dem Patienten emotional Resonanz geben. Die Patientin fühlt sich durch die Musik des Therapeuten gespiegelt und wenn er auch empathisch auf sie eingeht, auch emotional verstanden.
Die integrative Funktion bedeutet, dass Musik - wie im Film oder in der Oper- verschiedene vordergründig unzusammenhängende Gefühlsfragmente und Szenen musikalisch als zusammengehörig erfahrbar werden lassen kann. Musik stellt Bezüge her. Diese Funktion hat große Bedeutung, wenn es für das Spiel wichtig ist, dass durch die Musik Fragmentierungen als Zusammenhänge erlebt werden können. So kann die Musik zusätzlich auch eine rahmengebende und damit sinnstiftende Funktion haben, die einem Narrativ Anfang, Verlauf und Ende gibt.
In ihrer soziokulturellen Funktion fördert sie auch die psychosoziale Identitätsentwicklung- Das gemeinsame Hören und Wertschätzen der Musik des Patienten stärkt sein Selbstwertgefühl. Diese Dimension in der Therapie zu wertschätzen, ist sehr wichtig für die Identitätsentwicklung.
Die Musik und die Instrumente können verschiedene Funktionen gleichzeitig ausüben. Die Funktionen können auch schnell wechseln.
Es ist hier nicht die Zeit, auf alle Funktionen der Musik einzugehen. Aber vielleicht reicht das Beschriebene aus, um eine Ahnung von der Rolle der Musik zu bekommen, auch weil im therapeutischen Geschehen ja auch andere künstlerische Medien verwendet werden. In einer Musiktherapie geht es ja nicht nur um Musik. Mit dem Vorhang wird Theater gespielt, ein Kind schwingt in der Hängematte und Kinder spielen mit Dingen und Instrumenten auch in der Musiktherapie oft zunächst wie mit ihren Spielzeugen. Eine Trommel ist dann eine interessante Höhle, die Flöte dient als Stock usw.. Dazu noch ein paar Worte (vgl. dazu auch Frohne-Hagemann 1983/2001, 71ff): Denn in der Musiktherapie geht es immer darum, dass nichtmusikalische Aktivitäten durch die Musik -z. B. durch ihre integrative Funktion- d.h. eine emotionale Lesart und einen sozialen Sinnbezug bekommen.
Die reine Bewegung eines Körpers hat mit Richtungen, mit Orten von hier nach dort, und mit Grenzen zu tun. In der Bewegung werde ich sichtbar, räumlich und identifizierbar. Durch den Blick und die Berührung des Anderen spüre ich mich leibhaftig. Durch Bewegung grenze ich mich ab und gehe in Kontakt. Wo aber Grenzen erfahren werden, können auch Berührungsängste und Hemmungen, gesehen zu werden, deutlich werden. Es ist nicht so leicht, sich anschauen zu lassen, besonders Menschen mit Behinderungen lassen sich ungern beäugen. Wenn sich ein Mensch in seiner Bewegung nun aber von einer Musik innerlich und äußerlich begleitet fühlt und wenn sie seine Bewegungen stimuliert, ihn innerlich erreicht, dann fallen die Hemmungen oft. Deshalb hilft Musik, auch körperlich in den Raum zu kommen, Grenzen zu erfahren ohne aber gehemmt zu werden. So kann sich der Mensch z. B. tanzend verkörpern und sich zugehörig fühlen. Das Kind in der Hängematte wurde durch die Musik der Therapeutin in eine Beziehung eingebunden. Seine Bewegung stand damit einem sozialen und emotionalen Kontext.
Das Medium Kunst dagegen hat durch den Abstand zum Werk etwas distanzierendes. Wenn wir ein Kunstwerkes betrachten, haften wir sozusagen am Gegenstand, dagegen ist das musikalische Erleben immer fließend. Zur Musik ein Bild zu malen oder das musikalisch Erlebte zu malen kann deshalb dann notwendig werden, wenn ein musikalisches Erlebnis überflutend wirkt. Musik kann ja tief erschüttern und dann braucht es Abstand. In der Musik ist ja nicht das, was erlebt wird, entscheidend, sondern das Erleben selbst, das Mitschwingen in den Formen und Gestalten. Dann ist es manchmal gut, das Erleben in ein „was erlebt wurde“ zu gießen, indem man ein Bild malt.
In der Musiktherapie werden oft zur Musik Texte oder Gedichte erfunden, die dem Sprache geben, was anders nicht gesagt werden kann. Poesie ist aber eigentlich musikalisierte Sprache und drückt das aus, was zwischen den Zeilen steht. Die Geschichte vom Vorhang wurde poetisch besungen und dadurch fand das Unsagbare Sprache. Wenn wir mit den Menschen mit Behinderung singen oder sie ihre eigenen Geschichten vertonen lassen, um sie dann gemeinsam zu singen, dann erhalten die Geschichten einen Sinn, der emotional mit anderen geteilt werden kann.
Eine in diesem Sinne integrative und die verschiedenen Talente eines Menschen mit Behinderung entfaltende Musiktherapie ist –denke ich- heilsam und eine besondere Indikation zur Entwicklung von Lebensqualität und zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft.
Literatur
Frohne-Hagemann, I. (2001): Fenster zur Musiktherapie, Dr. L. Reichert Verlag, Wiesbaden
Frohne-Hagemann, I., Pleß-Adamczyk, H. (2005):Indikation Musiktherapie bei psychischen Problemen im Kindes- und Jugendalter. Musiktherapeutische Diagnostik und Manual nach ICD 10. Vandenhoeck Ruprecht, Göttingen.
Hüther, G. (2004): Ebenen salutogenetischer Wirkungen von Musik auf das Gehirn. In: Musiktherapeutische Umschau 1,Band 25 , S. 16-26
Schumacher, K./Calvet-Kruppa, C.(2002): Lehrfilme
Smeijsters, H. (2004): Kriterien für eine evidenzbasierte Indikation in der Musiktherapie. In: Musiktherapeutische Umschau 3, Band 25, S. 207-240